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Abb. 15 Rückseite eines Fächer von Duvelleroy, ca. 1900, mit Musikinstrumenten

 

Abb.17 Romantische Szene mit Flötenspieler, Frankreich, ca. 1730/40

 

Abb.19 Dreiergruppe mit Dame mit Spinnrocken, ca. 1850 (Dank an Anna Checcholi für die Erlaubnis der Abbildung)

 

Abb. 21 Blinde-Kuh-Spiel, ca. 1855

Eros et Amor: Liebes-Symbolik auf Fächern (4)

5. Spiel und Musik
Fächer waren bis ins frühe 18. Jahrhundert der oberen Gesellschaftsschichte vorbehalten, es finden sich daher immer wieder höfische Szenen auf Fächern, die je nach Epoche verschiedene Interpretationen verlangen.

Musikinstrumente:
Schon in der Antike drückten Musikinstrumente unterschiedliche Gefühlsregungen aus. Die poetische Lyra eines Apolls oder Orpheus steht im krassen Gegensatz zur Flöte des Satyrs und den Perkussionsinstrumenten der Bachantinnen. Das klassische Liebeswerben mit begleitendem Gesang – die mittelalterlich "Minne"-Vorstellung – wird auf Fächern bis Ende des 19. Jahrhunderts dargestellt. Seit dem Spätbarock galten Musikinstrumente in Form von Trophäen angeordnet als Symbol kultivierter Lebensart (Quelle: Kunstlexikon P.W. Hartmann, www.beyars.com/kunstlexikon). Als solche finden sie oft auf Fächern Eingang (siehe Abb. 15 und 16), oft parallel zu Liebessymbolen, wie brennenden Fackeln (bis Ende 19.Jhdt.). Gleichzeitg wurden aber Musikinstrumente auch als Symbol der irdischen Leidenschaften gedeutet (siehe "Götter und Helden der Antike", S.98). Es kommt zumeist auf den Kontext an, in dem die Musikinstrumente dargestellt werden. So ist die Flöte (siehe Abb.17) aufgrund ihrer Form schon ein "natürliches" Phallussymbol, dessen Bedeutung durch eine weibliche Musikerin noch unterstrichen wird. M. Kopplin (in Barisch, S. 51) nennt es ein "laszives Motiv" und nennt diesbezüglich auch Boucher's Bild "L'agréable leçon". Siehe zu diesem Thema auch den Fächer von "Le Curieux", Le roi amoureux). Eine ähnliche Konnotation ist wohl auch dem Dudelsack zuzuschreiben, der in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts, als Pastoralszenen und "Fêtes galantes" modern waren, oft als Hirteninstrument aufscheint (siehe Abb. 18).
Auf Fächern des Biedermeiers hingegen, wenn Freunde oder Familien musizieren, steht die Idylle der Musik im Vordergrund, ohne erotischen Beigeschmack.

Spindel und Spinnrocken:
Ähnlich den Musikinstrumenten, kommt auch dem Spinnen unterschiedliche Bedeutung zu. Spinnen gilt seit Alters her als weibliche Beschäftigung, daher stellt Spindel/Spinnrocken (auch Kunkel genannt) das weibliche Prinzip dar. Spinnende Frauen gelten vor allem in der Ikonographie des 19. Jahrhunderts als häuslich, eine positive Eigenschaft (siehe Abb. 20). In frühren Jahrhunderten haben sich auch Frauen der Oberschicht gelegentlich mit Spinnen beschäftigt, als Zeitvertreib.
Spindel und Spinnrocken können jedoch auch eine gänzlich andere Bedeutung haben, wie aus den Bildern des venezianischen Malers Pietro Longhi (und anderen italienischen Zeitgenossen des 18. Jahrhunderts, wie Francesco Guardi) hervorgeht (siehe Filippo Pedrocco, Longhi, Ed. Giunti) . Dort symbolisiert sie die käufliche Liebe. In einer Szene, die als "gallant" gedeutet werden könnte, befindet sich, ohne klaren Zusammenhang, eine weibliche Person mit einem Spinnrocken und Spindel in der Hand. Sie wird manchmal von der Kupplerin (als Alte dargestellt) begleitet, manchmal ist sie aber auch selbst die Kupplerin. Ein gutes Beispiel für diese Interpretation befindet sich im Buch "Eventails - Fächer der Sammlung des Ostankino-Museums in Moskau", Abb. 40.
Auf Fächern sind öfters Frauen mit Kunkel und/oder Spindel dargestellt. Obwohl aus dem Kontext nicht immer als "käufliche Liebe" zu interpretieren, könnten sie ein Hinweis geben, dass ein Paar von dieser Dame "verkuppelt" wurde (siehe Abb. 19).
Ein Bild in Salsi's "Ventagli di carta", wo eine junge Dame Klavier spielt und eine alte dahinter mit Spinnrocken steht, kann als Darstellung einer Kurtisane gedeutet werden.

Blinde Kuh:
Das altbekannte Kinderspiel war in vorigen Jahrhunderten eine beliebte höfische Unterhaltung, meist von Erwachsenen gespielt. In verschiedenen Ländern dienen verschiedene Tiere als Namensgeber: Gallina ciega (blindes Huhn im Spanischen), mosca cieca (blinde Fliege im Italienischen), und cabrita cega (Blindes Zicklein auf Portugiesisch). Sein Ursprung wird ein wenig durch die französische Bezeichnung erhellt (und als Derivat davon, die englische): Colin-Maillard. Dieser mysteriöse Name wurde auf verschiedene Arten interpretiert, die gängigste und glaubwürdigste besagt, dass ein Ritter aus der Gegend um Liège (Lüttich, im heutigen Belgien) namens Colin zu den tapfersten Kriegern gehörte. Er schlug den Feind ausschliesslich mit einem Hammer (auf franz. "maille") und erhielt daher den Beinamen Maillard. Bei einem Gefecht verlor er das Augenlicht, hörte aber nicht auf zu kämpfen, sondern schlug tapfer weiterhin mit dem Hammer um sich (nach Michel Tournier, Le Vent Paraclet, Folio Gallimard). Soweit die Geschichte. In früheren Zeiten (16. bis 18. Jahrhundert) wurde "Blinde Kuh" mit einer Art Kochlöffel gespielt: entweder musste damit blind ein Tontopf getroffen werden (siehe z.B. ein gemälde von Pietro Longhi), oder aber die umstehenden damit geschlagen werden (daher der englische Name: Blindman's buff, buff = hit, Schlag). Noch Goya bezeichnet seine Gemälde "El juego del cucharón = der Kochlöffel", und nicht, wie es in späteren Katalogen steht, "gallina ciega".
Was ist nun "erotisch" an diesem Spiel? In Zeiten, wo die Etikette auf Distanz zwischen den Geschlechtern achtete, war dieses Spiel, das Mädchen und junge Burschen zusammen spielten, ein hervorragender Vorwand, um einander zu berühren (und das an "gewagten" Stellen, denn "mann" war ja blind!). Die häufigen Abbildungen des Spiels auf Gemälden und auch auf Fächern zeugen von dessen Beliebtheit, bis ins 19. Jahrhundert (siehe Abb. 21). Die oft frivole Körpersprache der dargestellten Personen unterstreicht die Interpretation in erotischem Sinn.

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Abb. 16 Musikinstrumente an den Seiten des Fächers "Eros lernt lesen und schreiben", ca. 1760

 

Abb.18 Dudelsackpfeiferin, ca. 1780

 

Abb.20 Häusliches Spinnen, ca. 1860 (Dank an Anna Checcholi für die Erlaubnis der Abbildung)

 

Abb. 22 Francisco Goya, Das Blinde-Kuh-Spiel, Detail (Museo del Prado, Madrid)

 

     

 

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